Waschen ist nur was für die Moderne!

La Reyne Soleil - die Sonnenkönigin

Liebe Leser,

Manch einer weiß ja, dass ich mich der historischen Recherche verschrieben habe. Eine zweite Leidenschaft hat sich dabei herauskristallisiert: das Berichten über Vorurteile und falsche Wahrheiten, die sich bis heute gehalten haben.

Heute: Waschen ist nur was für die Moderne! Eine Spurensuche.

Fassen wir mal zusammen, was wir aus dem Geschichtsunterricht wissen: die Menschen der Vergangenheit waren, gelinde gesagt, Ferkel. Waschen war im Mittelalter maximal eine Definition in nicht existenten Duden, und im so vornehmen Barock wurde es richtig schlimm. In diversen Artikeln über Hygiene wird mit Leidenschaft darauf hingewiesen, dass Louis XIV in seinem Leben ungefähr dreimal gebadet hat. Also quasi alle 25 Jahre. Die renommierte Zeitung « Die Welt » gönnt ihn noch nicht einmal dieses dritte Bad und spricht nur von zweien. Ein Radiosender widmet ungefähr 10 Minuten lang den Warnhinweisen hinweisen, sich den französischen König am besten nicht allzu stark zu nähern.

Als ich…

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Von den Schwierigkeiten der Geschichtsschreibung

La Reyne Soleil - die Sonnenkönigin

Über Geschichte zu schreiben, zumindest, wenn man nicht aus der Wikipedia abschreiben möchte, ist schwierig. Da fehlen verschiedene Quellen, manchmal widersprechen sie sich, es ist gar nicht klar, ob sie überhaupt echt sind. Oder sie liegen in einer Fremdsprache vor, die man selbst nicht versteht und ist auf die Übersetzung angewiesen, bei der man dann nicht überprüfen kann, ob sie korrekt ist. Oder es ist einfach Auslegungssache, weil die geschriebene Sprache bisweilen mehrere Deutungen zulässt. Die Bibel ist ein prominentes Beispiel.

Die größere Problematik sehe ich allerdings an anderer Stelle. Häufig wird Geschichte mit unseren eigenen Kenntnissen und unseren eigenen Mitteln bewertet. Da wird versucht, das Leben eines Menschen in der Antike nachzuvollziehen, und bedauert ihn, dass er sein Wohnzimmer nicht mit einer schönen modernen Heizung wärmen konnte. Oder irritieren uns über das Tragen von Korsetts, weil wir uns das sogar nicht mehr vorstellen können, und…

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Die Sonnenkönigin in neuer Auflage 

La Reyne Soleil - die Sonnenkönigin

Ihr Lieben,

Es ist soweit! Pünktlich zum Geburtstag von Marie Anne de Bourbon , die die Tochter meiner geschätzten Protagonisten ist, ist die neue Auflage erschienen:

Versailles´ größtes Geheimnis

Die E-Book Auflage von « Die Sonnenkönigin – Frankreichs vergessene Königin » ist heute in überarbeiteter Fassung und im neuen Gewand zu einem Preis von 6,99 € erschienen. Ich freue mich sehr! Die Printausgabe wird pünktlich zur FrankfurterBuchmesse kommen.

Klappentext

Manchmal geschehen Dinge in der Geschichte – Dinge, die so ungeheuerlich sind, dass sie aus der offiziellen Schreibung gestrichen werden. Den Menschen, deren Vermächtnis auf diese Weise ausgelöscht wird, geschieht bitteres Unrecht. Sie warten, bis die wahre Geschichte erzählt ist und unter das Licht der Sonne gefunden hat. Eine solche Geschichte ist die vorliegende. Sie ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Zugedeckt durch die Jahrhunderte hat sie Verrat und Fälschung überdauert, um nun endlich an den hellen Tag…

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Schafft Den Geschichtsunterricht Ab!

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Ausgerechnet ich sage das, wo mir auch immer so viel an Wahrheit und Wirklichkeit gelegen ist? Ja, ausgerechnet ich sage das.
Warum? Aus zwei Gründen. Zum einen: Geschichte im Unterricht wäre ein wertvolles Medium, würde der Mensch tatsächlich aus der Geschichte etwas lernen. Er tut es aber nicht. Die Hoffnung, dass er es könnte, habe ich vollständig aufgegeben. Die Geschichte ist eigentlich eine wunderbare Schule des Lebens. Und gewisse Epochen wiederholen sich wieder und wieder und wieder. Darüber gibt es ganze wissenschaftliche Abhandlungen. Aber leider zeigen genau diese auch: der Mensch lernt nichts daraus. Im Augenblick sehen wir das gerade sehr deutlich. Ich habe mich vor kurzem noch mit jemandem über den Rechtsruck in Europa unterhalten, der überhaupt nicht einsehen wollte, wie gefährlich das ist. Stattdessen kam mantraartig immer dasselbe: Das Volk hat nichts, aber andere, die es nicht verdient haben, bekommen hier alles geschenkt. Ich habe aufgehört, zu argumentieren, weil eine solche Person Argumenten gegenüber nicht zugänglich ist. Da wird eine Meinung nicht über Argumente oder Nachdenken geschaffen, sondern aus dem ganz gravierenden Gefühl der Angst heraus, und Angst ist immer gefährlich und kein guter Ratgeber. Damit können wir Punkt eins abhaken, der Mensch lernt nichts aus der Geschichte. Politiker übrigens auch nicht.
Der zweite Punkt: wie hilfreich ist denn das Sammelsurium aus vorgeblichen Fakten im Geschichtsunterricht tatsächlich? Die Epochen werden ja sehr ungleich behandelt. Die über die Maßen spannende Antike wird so schnell durchquert, als müsse man auf dem Rücken eines dürstenden Kamels die Sahara durchreisen. Dann kommt lange lange nicht so viel. Kurz Völkerwanderung, bisschen Karl der Große. Davor kurz Christianisierung und Mohamed. Unbedingt wichtig: die Ehe von Mohamed mit einer Sechsjährigen zu erwähnen, ohne darauf hinzuweisen, dass das bis heute nicht bestätigt ist. Dafür aber lieber nicht berichten, wie sich das Edikt, dass das Christentum zur Staatsreligion erklärt hat, ausgewirkt hat.
Karl der Große ist ein Supertyp, Problem allerdings seine Hinterlassenschaft. Diese Spaltung des Reiches, das war nix. Schließlich sind Deutschland und Frankreich seitdem Erbfeinde. Manchmal kuschelt sich eine bayrische oder österreichische Prinzessin zu einem französischen Thronfolger ins Bett, aber selbst diese Allianz geht nicht gut. Französische Revolution irgendwann.
Nach Karl dann erst einmal die Ottonen und die Salier. Extrem spannend, eigentlich, ebenso die Sache mit dem Wormser Konkordat. In meinem Fall glaube ich siebte Klasse Geschichtsunterricht. Da frage ich mich mittlerweile, ob man in diesem Alter schon die Auswirkungen einer solchen politischen Entscheidung werten und bewerten kann. Weiter geht es mit den Staufern, ebenfalls hochinteressant, tragen einige der Vorgänge doch zur Zersplitterung im Heiligen römischen Reich Deutscher Nation bei.
Allgemein wird das Mittelalter als eher dunkel dargestellt, bis man sich dann allmählich der Neuzeit nähert und bei Luther landet. Auch hier meist ganz klares Meinungsbild: böse katholische Kirche, Luther schlägt die Thesen an die Tür, als aber einige Bauern auf der Basis der lutherischen Argumentation gegen ihre Landesfürsten vorgehen, verurteilt Luther das tief. Seine Schriften über die Juden kann man nicht anders als antisemitisch nennen. Von Henry VIII von England behält man fatalerweise nur die sechs Frauen im Kopf, François Ier kennt man insbesondere in Deutschland nicht anders als den Knallkopf, der blöd genug war, sich vom deutschen Kaiser gefangen nehmen zu lassen. Karl V ist überhaupt wiederum ein absoluter Held, die Verbrechen in den Kolonien ignorieren wir mal. Philipp II, sein Sohn, wiederum ist nur für seine Niederlage gegen die Armada bekannt.
Bemerkt man, worauf ich hinaus will? Es sind immer nur solche punktuellen Ereignisse, die das Bild einer ganzen Epoche spiegeln sollen. Aber wie unrealistisch ist das? Zumal viele Quellen in den Geschichtsbüchern seit Jahrzehnten nicht mehr kontrolliert oder überarbeitet worden sind. Das gleiche gilt für Übersetzungen. Wenn ich mir die Arbeitsblätter ansehe, die an die Schüler ausgegeben werden, sind es ungefähr die gleichen, die ich noch erhalten habe. Mit den gleichen Fehlern darauf.
Weiter geht’s. Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mich nicht allzu sehr aufrege. Der Absolutismus. Gut, Louis XIV, der vermeintliche Verursacher, hat den Begriff nie gekannt. Und weil er ihn nicht kannte, hat er auch gleich einen Satz gesagt, den er nie gesagt hat: L’État c’est moi, der Staat bin ich. Und jetzt geht die historische Hexenjagd los: Der König muss doch übergeschnappt sein! Wie kann man nur einen solchen Satz sagen. Untermauert wird das ganze mit ein oder zwei Zeilen aus seinen vorgeblichen Memoiren, schlecht übersetzt und mittlerweile von französischen Historikern selbst in Zweifel gezogen. Um das falsche  Bild des Königs rund zu machen, ganz wichtig, zu erwähnen: Verschwender, größenwahnsinnig… Entschuldigung, ich muss kurz meine Pillen nehmen. Nun, stattdessen wird weggelassen: Gesetzbuch von 1667, Kindergeld, Form von Rentenversorgung, Aufhebung der Leibeigenschaft, kostenlose Vergabe von Getreide bei Hungersnot… Das könnte ich ewig so fortsetzen. Besonders wichtig scheint auf diversen Arbeitsblättern zu sein, hervorzuheben, dass der König zudem eine solche Furcht vor Wasser hatte, dass er Waschen für vollkommen unpraktikabel hielt. Manchmal frage ich mich wirklich, ob da jemand liest, was er schreibt. Ich glaube, ich mache einen eigenen Artikel daraus. Die Furcht vor Wasser stimmt übrigens, da der König als Kind beinahe ertrunken wäre – diesen Aspekt lässt man wieder weg – aber er hat diese Furcht überwunden wie die meisten seiner Ängste: indem er schwimmen gegangen ist. Und sich der Sache gestellt hat. Zudem frage ich mich, in welcher Weise das  Wasch-Verhalten einer Person ihre politischen Entscheidungen beeinflusst.
Nun, Louis XV hat die zweifelhafte Ehre, im Geschichtsbuch nicht aufzutauchen. Schade eigentlich, denn in seiner Regierungszeit sind viele Gründe für die spätere Revolution zu sehen. Aber wahrscheinlich ist es zu komplex, sich damit auseinander zu setzen. Also machen wir den Bogen doch ganz einfach: Louis XIV, Der Staat bin ich, gefolgt von einer durchgeknallten österreichischen Prinzessin, die abgebrüht auch noch gesagt hat: dann sollen sie doch Kuchen essen. Marie Antoinette, ich bitte Euch sehr um Verzeihung. Dieser Satz soll lediglich der Verdeutlichung dienen. Denn auch hier: ein solcher Satz ist historisch nicht belegt und wurde nicht gesagt. Zum vorgeblichen Nichts des Königs gibt es eine schlüssige Erklärung. Aber nein, folgende ist einfacher: das Volk erkennt endlich, dass es tyrannisiert wird, und wehrt sich. Na klar.
Merkwürdigerweise ist der  ein paar Jahre  später auftauchende Korse wieder ein großer Held. Komisch, er kommt an die Macht durch einen Staatsstreich, krönt sich selbst zum Kaiser, König genügt offensichtlich nicht mehr,  verfolgt einen armen Bourbonen-Prinzen bis auf deutsches Gebiet und lässt ihn dort hinrichten, verwüstet mal kurz ganz Europa und richtet in zehn Jahren mehr Schäden an als alle französischen Könige vor ihm, aber im Geschichtsbuch ist er cool.
So, jetzt kommen wir in den Bereich, wo die Geschichte sich beeilen muss. Ich sagte ja schon, die Epochen werden unterschiedlich dargestellt. Ab Bismarck zieht sich das ganze in der deutschen Geschichte in die Länge. Noch dramatischer wird es, wenn es um den ersten Weltkrieg und die anschließende Weimarer Republik geht. Hier wird nichts mehr punktuell herausgegriffen, hier muss man plötzlich minutiös Tag für Tag für Tag berichten. Gleiches gilt für Hitlers Machtergreifung. Hier muss man plötzlich nicht nur die Jahre lernen, sondern auch die Tage. Inklusive, was ab und an zu Mittag gegessen wurde. Und inklusive verstörender Filme, die den Jugendlichen klarmachen sollen: das darf in Deutschland nie wieder passieren.
Nun, was den letzten Teil angeht, muss ich sagen: verfehlt. Der Rechtsruck ist wieder da. Und es ist vollkommen gleichgültig, gegen wen er sich richtet. Vielleicht gelingt manchen der Transfer nicht, und glaubt tatsächlich, rechts bedeutet: gegen die Juden. Für mich ist es aber persönlich keine Entschuldigung. Im Gegenteil, mein Fazit: die Menschen lernen nicht aus der Geschichte, und das, was sie aus dem Unterricht mitnehmen, sind häufig fehlerhafte Informationen, die über Jahrzehnte nicht korrigiert werden. Also, schafft doch einfach den Geschichtsunterricht ab. Wer sich interessiert, liest ohnehin, meistens schon vor der siebten Klasse, und hat die Chance, auf Bücher zu treffen, in denen tatsächlich Geschichte geschrieben steht, und allen anderen ist es ohnehin gleichgültig. Die gehen lieber raus und jagen Pokemons.

Nachsatz: Ich habe auch während meiner Recherchen großartige Geschichtslehrer kennen gelernt, die sich ebenso an den gängigen Vorurteilen stören wie ich. Die sich die Mühe machen, eigene Unterrichtsmaterialien vorzubereiten. Die selbst recherchieren. Die Geschichte erzählen wie einen Roman, mit Spannung, und denen die Schüler an den Lippen hängen. Diesen Lehrern gilt mein Respekt und meine Hochachtung. Schade, dass es von ihnen viel zu wenige gibt.

Pour la naissance de Louis XIV – 05.09.1638

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Il y a deux histoires: l’histoire officielle, menteuse, puis l’histoire secrète où sont les véritables causes des événements.

Geschichte gibt es immer zweifach: die offizielle, lügnerisch, und daneben die geheime, die die wahrhaften Gründe für die Ereignisse kennt.

Honoré de Balzac

C’est étrange, mais vrai; car la vérité est toujours étrange, plus étrange que la fiction.

Es ist verwunderlich, aber wahr; denn die Wahrheit ist immer verwunderlich, verwunderlicher als die Dichtung.

Lord Byron

Liebe Leser,

Zum Geburtstag des Königs muss etwas Besonderes her. Ich habe mich vor kurzem bereits mit dem Thema befasst, wie und in welcher Weise Übersetzungen zu Geschichtsklitterung beitragen können. Heute möchte ich mich damit befassen, wie offizielle Dokumente zur Geschichtsklitterung beitragen können.

Offizielle Dokumente? Ja, ganz recht. Meist ist es ja so, dass die von vorhandenen Dokumenten gestützte offizielle Geschichte als die wahre gilt. Geschichte birgt unglaublich viele Geheimnisse, und ab und an machen sich Menschen auf und versuchen, diese Geheimnisse zu ergründen. Welch unglaublich schwere Arbeit das ist, das habe ich selbst erfahren.

Denn: die offizielle Geschichte kann zumindest Quellen nennen, während die geheime, meist wahre Geschichte selten Dokumente zurücklässt, und wenn doch, diese natürlich verborgen gehalten werden und nicht in Archiven zu finden sind – oder, wenn sie es sind, dann nicht der Öffentlichkeit zugänglich. In einem kleinen Ort in der Touraine beispielsweise gibt es einen Mann, der einen geheimen Brief von Louis XIV an Louise de La Vallière sowie deren Antwort sein eigen nennt. Warum ich das weiß? Weil ich diesen Mann getroffen habe. Warum ich nicht konkreter werde? Weil meine Quelle nicht möchte, dass ich das tue.

Vor einigen Tagen erst ist der vorgeblich letzte Brief des bayerischen Königs Ludwig II aufgetaucht. Und nun stürzen sich die Wissenschaftler darauf: war der Bayern König vielleicht doch nicht irre? Nun, dass er das nicht war, darüber schrieb ich bereits in meinem Buch.

Auch bei meinen Recherchen über Ludwig II. bin ich auf Menschen getroffen, die ihr Leben der Sache verschrieben haben, die Ehre des Bayern Königs wiederherzustellen. Ich kann das gut verstehen, eine ähnliche Aufgabe verfolge ich ja auch. Das Interessante war, dass ich bei allen Personen, mich eingeschlossen, die gleiche Motivation erfahren habe: Gerechtigkeit. Denn die offizielle Geschichte ist dieses meistens nicht.

Und auch hier, als ich mit den Menschen sprach, stützten sich deren Erkenntnisse auf nicht herausgegebene Dokumente, und, im ersten Augenblick erstaunlich, auf Mund zu Mund Erzählungen. Die Anfänge waren oft ähnlich wie bei mir: man stieß, meist durch Zufall, auf irgend eine Ungereimtheit in einem offiziellen Dokument, und begann daraufhin zu suchen.

Bei mir war es ein Dokument in einem französischen Stadt-Archiv:

« Le Roy prit la décision … Parce que la Dame de La Vallière le volût. »
« Der König traf die Entscheidung … weil die Dame de La Vallière es so wollte. »

Nun, der Eintrag stammt von 1685. Ein Jahr, in dem sich Louise de La Vallière im Kloster befindet. Eigentlich. Der offiziellen Geschichte getreu. Ich merkte und begann zu suchen.

In manchen Dokumenten nannte man sie plötzlich Madame de La Vallière – zu einer Zeit, in der die Gesellschaftsordnung eine unverheiratete Frau nicht mit einem solchen Titel anspricht. Die offizielle Geschichte erklärt dies mit der Tatsache, dass Louise durch ihre Mutterschaft ja zur Frau geworden sei. Nun – unverheiratet Mutter zu werden, führt nicht automatisch zu einer Anrede mit Madame.

Die geheime Geschichte hinterlässt also häufig keine Dokumente, beziehungsweise macht sie nicht zugänglich. Und nun kommt die Mentalität unseres Kulturkreises hinzu: in einer Zeit, in der die Wissenschaft an manchen Stellen sogar schon Intuition und Vertrauen abgelöst hat, ist für viele nur maßgeblich, was man zu sehen bekommt. Wenn diese Dokumente Widersprüche aufweisen, ist das weniger ein Problem, denn diese Dokumente gibt es. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass viele Elemente unseres Kulturguts, beispielsweise die Märchen, mündlich überliefert worden sind. Das ist in einigen Fällen der inoffiziellen Geschichte nicht anders.

Ein weiterer Punkt: zwischen diversen Ereignissen und heute liegen etliche Kriege. Oder vielleicht sogar Revolutionen. Manche Dokumente sind versehentlich verschwunden oder zerstört worden, manche aber auch mit vollkommener Absicht. Es sind Passagen gestrichen und umgeschrieben worden, im Augenblick werden Zweifel erhoben an den sogenannten Memoiren von Louis XIV. Dazu verweise ich auf den Artikel zum Thema Übersetzungen.

Und dann darf man nicht vergessen, dass in besonders gefährlichen Zeiten natürlich nicht mit Papier und Tinte hantiert worden ist, sondern mit Geheimschriften. Ich spreche hier nicht von Code, sondern beispielsweise von der Technik, mit Nadeln Botschaften in ein Papier zu stechen. Marie Antoinette selbst hat sich in ihrer Gefangenschaft dieser Technik bedient. Besonders gefährliche Nachrichten wurden in gefährlichen Zeiten häufig mündlich überliefert.

Und doch gibt es überall Augenzeugen. Quellen für die inoffizielle Geschichte findet man an den erstaunlichsten Orten. Da hat doch ein Bauer, entgegen der heutigen Annahme, zu lesen und zu schreiben gewusst und Anmerkungen über den Besuch der Königin Louise gemacht – in einem Tagebuch, dass die Familie seitdem wie einen Schatz hütet. Ist es offiziell geworden? Nein, natürlich nicht. Diener schreiben auf und hinterlassen, Unterlagen werden an geheimen Orten deponiert oder dort, wo man annimmt, dass dort niemand suchen wird. Oder sie sind vielfach in Privatbesitz!

Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Geschichte natürlich auch immer politisches Mittel ist. Geschichte wird zur Bildung eingesetzt, und damit meine ich nicht Weiterbildung, sondern politische Bildung im Sinne des Staates, in dem man aufwächst. Nicht umsonst werden die Parallelen in der deutsch-französischen Geschichte auf beiden Seiten immer noch unterschiedlich dargestellt.

Ein ganz großes Problem ist in meinen Augen, dass man sich natürlich auch immer von seinem eigenen Leitbild und dem, was man gelernt hat, leiten lässt. So geschieht es selten, dass man in den heutigen Zeiten der Monarchie neutral oder positiv gegenübertritt. Eine entsprechende Haltung findet sich dann auch in manchen Büchern. Louis XIV ist per se ein Verschwender – tatsächlich ist er einer der wenigen, der einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt hatte – ein Autokrat, was auch immer. Man kann sich häufig des Eindrucks nicht erwehren, dass er nicht so gezeigt wird, wie er war, sondern so, wie man glaubt, dass er war – weil die im Kopf vorhandene Vorstellung zu einem sogenannten absoluten König besser passt. Und so bleiben viele Dinge unerwähnt. Die Einführung von Kindergeld 1667 beispielsweise. Die Zahlung von Renten an die Versailler Arbeiter. Der Import von Getreide, und es während einer Hungersnot kostenlos verteilen zu lassen, 1661. Das Recht jedes französischen Bürgers, vor seinen König zu treten und von ihm Rechtsprechung zu verlangen. Versuchen Sie das doch einmal mit Frau Merkel.

Den inoffiziellen Quellen zu folgen, ist ein langwieriger und mühsamer Weg, aber auch ein Weg, der mit tiefer Freude erfüllt, das ans Tageslicht befördert zu dürfen, was sonst vielleicht verborgen geblieben wäre.

In Gedenken an Louis XIV und seine vergessene Königin.

Wie Übersetzungen zur Geschichtsklitterung beitragen – Absicht oder Versehen?

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Ihr Lieben,

heute ist Saint Louis. Ein Namenstag, den ich natürlich begehen muss! Und ich tue das mit einem Artikel, der mir schon seit längerem unter den Nägeln brennt.

Dass die moderne Geschichtsschreibung und ich uns einander nicht so unbedingt lieb haben, ist ja bekannt. Dass mein Buch auf Recherchen fußt, deren Ergebnisse nach und nach auf anderen Seiten ebenfalls auftauchen, auch. In meinen Berichten über meine Recherche habe ich mehrfach erläutert, dass Geschichte auch immer Mittel zur Politisierung ist. Oder zur Erziehung. Als ich, selbst noch Studentin, einen Aufsatz über den so genannten Absolutismus verfasste, war ich wohl etwas zu wohlwollend. Ich möchte jetzt keine Diskussion auslösen, aber ja, ich stehe dem Absolutismus positiv gegenüber. Das kann ich begründen und habe dies auch in dem Aufsatz getan. Die Folge war eine Ablehnung dieses Aufsatzes mit folgender Begründung:

Geschichte dient auch immer dem Erziehungsauftrag. In der Schule wird ja darauf hin gearbeitet, den Schüler gemäß der Idee der Bundesrepublik Deutschland zu erziehen, und da ist ein positives Leitbild des Absolutismus fehl am Platze.

Daraufhin sagte ich:

Augenblick, aber Meinungsfreiheit ist doch auch eines der Leitziele der Bundesrepublik. Das hier ist gerade meine Meinung. Und ich kann sie erklären und begründen.

Die Antwort lautete:

Ihre Meinung geht aber nicht konform mit den Erziehungszielen, die wir hier voraussetzen. Entsprechend können wir sie nicht gelten lassen.

Oh, dachte ich, da ist Louis XIV toleranter. Und es gab mir zu denken. Als ich dann in Frankreich studierte, begegneten mir viele Dokumente aus dem Geschichtsunterricht in französischer Sprache wieder. Und ich staunte nicht schlecht, denn die Originaldokumente von Louis XIV lesen sich in französischer Sprache ganz anders als die aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfetzen der deutschen Geschichtsbücher. Das machte mich dann nachdenklich, und ich forschte nach.

Ein weiteres Erlebnis hatte ich, als ich Versailles besuchte – und zum ersten Mal an einer deutschsprachigen Führung teilnahm, weil eine Freundin dabei war, die der französischen Sprache nicht mächtig war. Ich war überrascht, wie negativ die Darstellung des Königs plötzlich behaftet war. Ich fragte also nach. Die Antwort:

Wissen Sie, wir sind hier auf Einnahmen angewiesen. Deutschen Touristen können wir nicht erklären, dass der große König in Frankreich ganz anders eingeschätzt wird. Aus Sicht der deutschen Geschichte wird ja leider ein anderes Bild gezeichnet. Dies müssen wir in gewisser Weise bedienen.

Stimmt. Die deutsche Geschichte bezeichnet hartnäckig den französischen König als Aggressor für den spanischen Erbfolgekrieg. Die französische Geschichte sieht das anders. Die Unterlagen, zum Glück auch noch einmal durch einen deutschen Historiker ausgewertet, sehen den Habsburger deutlich in der Verantwortung. Es liest sich in deutschen Büchern aber nicht so schön, und so muss wieder einmal der französische König als Schuldiger herhalten.

Ein anderes Beispiel: Ich las vor kurzem einen Roman über die Anfänge von Louise de La Vallière und Louis XIV. Die Autoren sind offensichtlich der Empfehlung ihres Lektors gefolgt und haben, im Gegensatz zu mir, die gewünschte Erotik im Buch untergebracht. Ein Satz blieb mir besonders in Erinnerung: Der König näherte sich seiner Geliebten mit « brutalen Gesten ». Hmm, dachte ich, ich weiß ja nicht, ob ich als Frau über ein solches Vorgehen unbedingt so entzückt wäre. Also nahm ich mir die französische Fassung des Romans vor, und sieh an: das Adjektiv, das dort gewählt worden ist, kann unter Umständen brutal bedeuten. Hauptsächlich bedeutet es aber leidenschaftlich. Der König näherte sich also mit leidenschaftlichen Gesten. Ein deutscher Leser wird die Sache aber gegebenenfalls anders und sogar falsch interpretieren. Und schon ist wieder ein Bild gezeichnet.

Ganz dramatisches Beispiel: die wunderbaren Romane von Dumas. Bei ihm ist natürlich einiges Fiktion, an manchen Stellen hat man übrigens den Eindruck, dass sie nicht vom Schriftsteller selbst stammen, aber die französischen Ausgaben sind zum Teil doppelt so dick. Ich habe mir also die angeblich vollständige deutsche Ausgabe besorgt und mit der französischen verglichen. Es fehlen ganze Kapitel, insbesondere die, die historische Sicht auf verschiedene Ereignisse zeigen.

Im vorgeblich letzten Teil von Dumas, der den Titel « Louise de La Vallière » trägt, sind insbesondere die Teile, die den König auch als manchmal unsicheren und im Ausdruck seiner Gefühle wenig erfahrenen Mann zeigen, komplett gestrichen. Schade, denn sie enthalten den Charme des suchenden Liebenden, der versucht, seiner Geliebten seine Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen. Von Louise de La Vallière fehlen einige Passagen, die durchaus zeigen, dass sie eine selbstständige und denkende Frau ist.

Ein letztes Beispiel aus eigener Erfahrung: auch über die Physiognomie des Königs werden aufgrund historischer Irrtümer gerne falschen Spekulationen aufgesessen. In vielen alten Büchern liest man noch von einer Körpergröße von 1 m 65. Die gleichen Bücher teilen übrigens mit, dass seine erste Frau, die Königin Marie Thérèse, fast 30 cm kleiner gewesen sein soll als der König. Also bitte, rechne das mal jemand nach? 

Ich habe in einem Aufsatz erklärt, wie es zu diesem Irrtum gekommen ist. Einen weiteren habe ich aufgegriffen, es geht dabei um die Augenfarbe des Königs – auf einigen wenigen Gemälden ist tatsächlich zu sehen, dass sie grün ist, nicht braun, wie vielfach angegeben. Das wäre genetisch auch seltsam. Als mein Aufsatz dann in die französische Übersetzung gegangen und lektoriert worden war, hatte der Lektor selbsttätig die Augenfarbe geändert. Und zwar in das, was er glaubte. Zum Glück lese ich französische Texte grundsätzlich immer noch einmal gegen, um zu schauen, ob in meine Übersetzung nicht eingegriffen worden ist. Die Körpergröße des Königs beträgt übrigens ungefähr 1 m 87. Ohne Schuhe und ohne Perücke.

Mit den folgenden Sätzen  lehne ich mich wahrscheinlich sehr aus dem Fenster. Aber ich bezweifle, dass man tatsächlich wirklich korrekte Schreibung betreiben kann, wenn man sich nicht mit den Dokumenten in der Originalsprache auseinandersetzt – und selbst das kann  schwierig werden, weil diverse Dokumente verschwunden oder verfälscht worden sind. Viele Bücher über Geschichte basieren auf Übersetzungen. Oder auf Sekundärliteratur, die ihrerseits schon falsche Quellen aufgreift. Doch auch das halte ich für die Aufgabe eines Autors, der historisch schreibt.

Nouveauté! 

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Mes chers,

C’est avec joie que je partage cette nouveauté: mon livre sera publié  par l’éditeur Lysandra Books qui va réaliser une nouvelle édition publiée en septembre.

Je suis vraiment heureuse! Ces prochains temps, j’informerai des progrès

Mit Freuden teile ich Euch mit, dass mein Buch von  Lysandra Books neu aufgelegt wird.

ich bin sehr sehr glücklich! Über die Fortschritte werde ich in nächster Zeit berichten.

La Naissance d’une Reyne – Die Geburt einer Königin – zum 06.08.

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Liebe Leser,

Der 06. August 1644 ist der Geburtstag meiner Heldin, und ihr zu Ehren habe ich diese Geschichte noch einmal überarbeitet, und schicke sie nun in die Welt hinaus. Als Louise geboren wird, ist dieses Ereignis von so geringer Bedeutung, daß es ihrem Vater zu verdanken ist, dass man genaue Daten weiß.

Viel ist nämlich nicht bekannt über Kindheit und Jugend von Louise de La Vallière . Schließlich war sie die Tochter eines unbedeutenden Landadeligen, der sich bisweilen selbst die Butter auf dem Brot nicht leisten konnte. Selbst über die Anzahl ihrer Brüder ist man sich nicht einig. Oder über die Namen derselben. Wie sich ihr Schicksal wandeln würde, ahnte man nicht voraus. Oder?
Denn manches weiß man doch.

Versailles

Louise de La Vallière ist arm. Von Adel, ja, aber so gering, dass selbst ihr Vater keinen Wert auf die Anrede mit diesem unbedeutenden Titel eines Sieurs legt. Ihr Dach über dem Kopf haben sie geerbt, und die Ehe Laurent de La Vallierès mit Françoise hat neues Geld in die Truhe gebracht, aber es rinnt schneller als neues nachkommt.
Nicht, weil Laurent ein Verschwender wäre. Im Gegenteil, das ist er nicht. Aber er ist das Modell eines Landsmannes, eines Gentilhomme, mit Werten und Idealen.
Er kümmert sich um seine Pachtbauern und steht dem kleinen Dorf mit Umsicht vor. Gerät jemand in kleinere oder größere Kalamitäten, hilft er aus. Er teilt sein Hab und Gut sprichwörtlich mit den Armen. Seine Frau sieht es mit Sorge.

«Was geht es uns an?»
Laurent lässt sich nicht beirren. Seine Frau schenkt ihm zwei Söhne. Söhne. Wundervoll. Söhne können sich selbst ernähren, Sie können in der Armee ihren Weg gehen. Sie können eine gute Partie machen.
Françoise ist zu Höherem bestimmt, das glaubt sie selbst. Lange setzt sie Laurent zu, das Umwandeln der Seigneurerie in ein Marquisat bei Roy Louis XIII zu erbitten. Nach langem Zögern willigt Laurent ein. Doch sein Schriftstück kommt zu spät. Der König, immer kränklich, ist endgültig seinen Leiden erlegen. Er konnte noch seine Zustimmung diktieren, die Erhebung ist aber nicht erfolgt. Zurück lässt er eine fröhliche Witwe und einen unglücklichen Kind-König, der noch nicht einmal fünf Jahre zählt.
Françoise macht ihrem Gatten bittere Vorwürfe.

Dann die dritte Schwangerschaft. Françoise macht sich Sorgen um das Wohl der Familie. Sie drängt ihren Mann so lange, bis er den weiten Weg durch das verwüstete Frankreich, es herrscht schließlich Krieg, nach Paris antritt. Bei der Königin bitten soll er. Sie an das gegebene Versprechen von Louis XIII erinnern. Die Königin empfängt ihn, den kleinen König an ihrer Seite. Laurent, vollendeter Höfling, trägt seine Bitte dem König vor. Ein hübscher Knabe, liebenswürdig, aber zurückhaltend. Schüchtern.
Die Stirn Anne d’Autriches umwölkt sich. Sie mustert den Bittsteller, streng, unerbittlich. La Vallière. Der Name lässt sie frösteln. Dann stehen Bilder in ihr auf. Der Blick der Königin wird starr. Nein! Sie weigert sich. Kein Marquisat. Keine Zulassung bei Hofe.
Laurent kehrt nach La Reugny zurück. Seine Ehefrau empfängt ihn nicht freundlich.

Der 06. August 1644 zieht als goldener Augustmorgen über der Stadt Tours herauf. Ein Samstag. Die Stadt ruht noch, erwacht erst allmählich. Nur im Stadthaus der La Vallières Unruhe. Die Gattin des Seigneurs liegt in den Wehen, steht kurz vor der Niederkunft. Laurent de La Vallière mag die Stadt nicht, er fühlt sich wohler auf dem Land, wo er freier atmen kann, wo er nur wenige Schritte tun muss, um die belebende Wohltat des Waldes zu spüren. Doch zu Gunsten seiner schwangeren Frau ist er übergesiedelt, die Versorgung ist hier in der Stadt besser. Françoise ist keine, die ihre Schwangerschaften leicht  erträgt. Zwei Jungen gibt es doch schön, eine dritte Schwangerschaft war doch nicht notwendig. Mühevoll hat sie sich durch den Juni, den Juli geschleppt, ihr Leib rundet sich weiter. Sie sehnt das Ende herbei.

Laurent hat alle Vorkehrungen getroffen. Er hat die Hebamme herbeigeholt, für alle Fälle einen Arzt verständigt, der sich in Bereitschaft hält. Das Kind lässt zum Glück nicht lange auf sich warten.

Als Louise im Verlauf des Morgens in Tours im Haus der La Vallierès geboren wird, seufzt ihre Mutter auf. Ein Mädchen. Auch das noch. Trotz des Genusses grüner Äpfel, die doch die Geburt eines Sohnes fördern sollen. Ein Mädchen kostet Geld, es muss verheiratet werden, ihre Mutter denkt bereits über die Mitgift nach. Neben der Mutter wacht eine Frau, die die Hebamme mitgebracht hat. Niemand kennt die Fremde, aber man sagt ihr nach, solange sie bei einer Geburt assistiere, würde es dem Neugeborenen an nichts fehlen.
Ha! seufzt die Mutter im Wochenbett. Es wäre der Kleinen zu wünschen.

Die Unbekannte nimmt den Säugling in den Arm. Sinnend sieht sie auf das Kind hinab. Dann flüstert sie eine Botschaft, nur vernehmbar für Vater und Mutter. Die Mutter lacht auf, unmöglich! Ihr Vater sieht der weisen Frau in die Augen und versteht.

«Wie», fragt diese, «wollt Ihr die Kleine nennen?»
«Françoise», sagt die Ruhende auf dem Wochenbett. «Nach mir.»
«Marie», sagt die weise Frau. «Nach die Gottesmutter, der Schutzpatronin der Königinnen von Frankreich.»
«Louise», sagt ihr Vater. «Nach dem König von Frankreich.»

À suivre.