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Liebe Leser,

Heute ist der Namenstag des Heiligen Martin, genauer gesagt des Martin von Tours. Einige wissen ja, dass ich zu dieser Stadt eine ganz besondere Beziehung habe. Zum einen ist sie die Geburtsstadt meiner Protagonistin, zum zweiten ist sie die Stadt, die mir aus meiner Jugendzeit am ehesten in Erinnerung geblieben ist.

Also ist es natürlich notwendig, am heutigen Tag meinen Beitrag dem heiligen Martin zu widmen. Die Legende kennen wahrscheinlich die meisten, aber ich fasse sie noch einmal kurz zusammen:

Martin wird 316 geboren – Grund genug, in Tours das Sankt Martin Jahr zu feiern. Ich hatte das große Glück, letztes Jahr die Kathedrale in Tours wieder einmal besuchen zu dürfen.

Der junge Martin war Soldat, im Alter von 15 Jahren der römischen Armee beigetreten. Ob das so ganz freiwillig war, wissen wir nicht, aber es gibt ein Edikt des Kaisers Konstantin, dass auch die Söhne von Berufssoldaten der römischen Armee zu dienen hatten. Martin war zu diesem Zeitpunkt kein Christ, seine Kameraden nennen ihn geduldig und freundlich.

Als Martin in Amiens stationiert war, kam es zu folgender Begebenheit:
Es ist eine Winternacht, finster und bitterkalt. Wer kann, hat sich hinter die schützenden Stadttore zurückgezogen. Wer nicht kann, ist sich des sicheren Todes gewiss. Martin ist spät am Abend noch unterwegs, reitet gerade auf das Stadttor zu, als ihm ein Bettler entgegenwankt, fast kriecht, mehr tot als lebendig, kaum bekleidet, von der Kälte zerfressen. Die Menschen, die ebenfalls noch unterwegs sind, schauen weg. Weg von diesem Abschaum der Gesellschaft, der sie um Hilfe anfleht.
Martin sieht nicht weg. Er denkt nach. Er trägt lediglich seine Waffen bei sich, außerdem den Umhang der römischen Soldaten, der aber eigentlich Eigentum des römischen Kaisers ist. Dann nimmt er sein Schwert, teilt den Mantel in zwei Stücke, reicht die eine Hälfte dem armen Mann und spricht zu ihm:

Nimm, auf dass du dich wärmen kannst. Mehr kann ich dir leider nicht geben.

Beide ignorieren den Spott der Vorübereilenden, die glauben, der Soldat sehe nun selbst wie ein Bettler aus.
In der Nacht hat Martin einen Traum. Ein Engel erscheint ihm, dieser trägt Martins halben Mantel. Ich war der Bettler, spricht der Engel, und deine Barmherzigkeit hast du an mir geübt.
Martin verlässt die Armee, lässt sich taufen und tritt als Mönch in ein Kloster ein. 371 wird er Bischof von Tours.

Was sagt uns nun diese Geschichte? Ich musste vor einigen Tagen in einem Beitrag lesen: wieso feiern wir St. Martin? Der Egoist hätte den Mantel auch verschenken können. Ich muss sagen, solche Sätze machen mich traurig. Zum einen hat jemand die Geschichte nicht verstanden, auch nicht die Hintergründe. Man bedenke noch einmal: der Mantel war Eigentum des römischen Kaisers. Und man verschenkt nicht, was einem nicht gehört. Das Teilen war eine absolut pragmatische Lösung.

Zum zweiten: genau darum geht es in meinen Augen. Nicht um das Verschenken, sondern um das Teilen. Um das Miteinander. Und Hand aufs Herz: wer von uns ist wirklich bereit, etwas zu verschenken, dass er selbst dringend benötigt? Schenken im Überfluss ist immer einfach. Dort stellen wir uns die Situation vor: klirrende Kälte, vor der vielleicht noch nicht einmal der Mantel geschützt hat. Einen Teil davon für sich zu behalten, ist kein Egoismus, sondern überleben. Ist nicht auch das Leben ein Geschenk? Und sollten wir es deshalb nicht wertschätzen?

Der Heilige Martin beschützt übrigens auch alle Haustiere. Und gleichgültig, ob man religiös ist, gläubig, oder nichts davon, sollte man sich an die Werte des Teilens erinnern. Und zwar nicht nur heute.

Und warum wir an an diesem Tag eine Gans essen? Die Legende sagt, dass Martin so bescheiden war, dass er seine Ernennung zum Bischof nicht annehmen wollte. Er versteckte sich sogar in einem Stall, um sich vor den Menschen zu verbergen. Doch die Gänse schnattern so laut, dass sie ihn verrieten. So wurde Martin doch noch Bischof von Tours.