Mots-clés

, , , ,


Ausgerechnet ich sage das, wo mir auch immer so viel an Wahrheit und Wirklichkeit gelegen ist? Ja, ausgerechnet ich sage das.
Warum? Aus zwei Gründen. Zum einen: Geschichte im Unterricht wäre ein wertvolles Medium, würde der Mensch tatsächlich aus der Geschichte etwas lernen. Er tut es aber nicht. Die Hoffnung, dass er es könnte, habe ich vollständig aufgegeben. Die Geschichte ist eigentlich eine wunderbare Schule des Lebens. Und gewisse Epochen wiederholen sich wieder und wieder und wieder. Darüber gibt es ganze wissenschaftliche Abhandlungen. Aber leider zeigen genau diese auch: der Mensch lernt nichts daraus. Im Augenblick sehen wir das gerade sehr deutlich. Ich habe mich vor kurzem noch mit jemandem über den Rechtsruck in Europa unterhalten, der überhaupt nicht einsehen wollte, wie gefährlich das ist. Stattdessen kam mantraartig immer dasselbe: Das Volk hat nichts, aber andere, die es nicht verdient haben, bekommen hier alles geschenkt. Ich habe aufgehört, zu argumentieren, weil eine solche Person Argumenten gegenüber nicht zugänglich ist. Da wird eine Meinung nicht über Argumente oder Nachdenken geschaffen, sondern aus dem ganz gravierenden Gefühl der Angst heraus, und Angst ist immer gefährlich und kein guter Ratgeber. Damit können wir Punkt eins abhaken, der Mensch lernt nichts aus der Geschichte. Politiker übrigens auch nicht.
Der zweite Punkt: wie hilfreich ist denn das Sammelsurium aus vorgeblichen Fakten im Geschichtsunterricht tatsächlich? Die Epochen werden ja sehr ungleich behandelt. Die über die Maßen spannende Antike wird so schnell durchquert, als müsse man auf dem Rücken eines dürstenden Kamels die Sahara durchreisen. Dann kommt lange lange nicht so viel. Kurz Völkerwanderung, bisschen Karl der Große. Davor kurz Christianisierung und Mohamed. Unbedingt wichtig: die Ehe von Mohamed mit einer Sechsjährigen zu erwähnen, ohne darauf hinzuweisen, dass das bis heute nicht bestätigt ist. Dafür aber lieber nicht berichten, wie sich das Edikt, dass das Christentum zur Staatsreligion erklärt hat, ausgewirkt hat.
Karl der Große ist ein Supertyp, Problem allerdings seine Hinterlassenschaft. Diese Spaltung des Reiches, das war nix. Schließlich sind Deutschland und Frankreich seitdem Erbfeinde. Manchmal kuschelt sich eine bayrische oder österreichische Prinzessin zu einem französischen Thronfolger ins Bett, aber selbst diese Allianz geht nicht gut. Französische Revolution irgendwann.
Nach Karl dann erst einmal die Ottonen und die Salier. Extrem spannend, eigentlich, ebenso die Sache mit dem Wormser Konkordat. In meinem Fall glaube ich siebte Klasse Geschichtsunterricht. Da frage ich mich mittlerweile, ob man in diesem Alter schon die Auswirkungen einer solchen politischen Entscheidung werten und bewerten kann. Weiter geht es mit den Staufern, ebenfalls hochinteressant, tragen einige der Vorgänge doch zur Zersplitterung im Heiligen römischen Reich Deutscher Nation bei.
Allgemein wird das Mittelalter als eher dunkel dargestellt, bis man sich dann allmählich der Neuzeit nähert und bei Luther landet. Auch hier meist ganz klares Meinungsbild: böse katholische Kirche, Luther schlägt die Thesen an die Tür, als aber einige Bauern auf der Basis der lutherischen Argumentation gegen ihre Landesfürsten vorgehen, verurteilt Luther das tief. Seine Schriften über die Juden kann man nicht anders als antisemitisch nennen. Von Henry VIII von England behält man fatalerweise nur die sechs Frauen im Kopf, François Ier kennt man insbesondere in Deutschland nicht anders als den Knallkopf, der blöd genug war, sich vom deutschen Kaiser gefangen nehmen zu lassen. Karl V ist überhaupt wiederum ein absoluter Held, die Verbrechen in den Kolonien ignorieren wir mal. Philipp II, sein Sohn, wiederum ist nur für seine Niederlage gegen die Armada bekannt.
Bemerkt man, worauf ich hinaus will? Es sind immer nur solche punktuellen Ereignisse, die das Bild einer ganzen Epoche spiegeln sollen. Aber wie unrealistisch ist das? Zumal viele Quellen in den Geschichtsbüchern seit Jahrzehnten nicht mehr kontrolliert oder überarbeitet worden sind. Das gleiche gilt für Übersetzungen. Wenn ich mir die Arbeitsblätter ansehe, die an die Schüler ausgegeben werden, sind es ungefähr die gleichen, die ich noch erhalten habe. Mit den gleichen Fehlern darauf.
Weiter geht’s. Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mich nicht allzu sehr aufrege. Der Absolutismus. Gut, Louis XIV, der vermeintliche Verursacher, hat den Begriff nie gekannt. Und weil er ihn nicht kannte, hat er auch gleich einen Satz gesagt, den er nie gesagt hat: L’État c’est moi, der Staat bin ich. Und jetzt geht die historische Hexenjagd los: Der König muss doch übergeschnappt sein! Wie kann man nur einen solchen Satz sagen. Untermauert wird das ganze mit ein oder zwei Zeilen aus seinen vorgeblichen Memoiren, schlecht übersetzt und mittlerweile von französischen Historikern selbst in Zweifel gezogen. Um das falsche  Bild des Königs rund zu machen, ganz wichtig, zu erwähnen: Verschwender, größenwahnsinnig… Entschuldigung, ich muss kurz meine Pillen nehmen. Nun, stattdessen wird weggelassen: Gesetzbuch von 1667, Kindergeld, Form von Rentenversorgung, Aufhebung der Leibeigenschaft, kostenlose Vergabe von Getreide bei Hungersnot… Das könnte ich ewig so fortsetzen. Besonders wichtig scheint auf diversen Arbeitsblättern zu sein, hervorzuheben, dass der König zudem eine solche Furcht vor Wasser hatte, dass er Waschen für vollkommen unpraktikabel hielt. Manchmal frage ich mich wirklich, ob da jemand liest, was er schreibt. Ich glaube, ich mache einen eigenen Artikel daraus. Die Furcht vor Wasser stimmt übrigens, da der König als Kind beinahe ertrunken wäre – diesen Aspekt lässt man wieder weg – aber er hat diese Furcht überwunden wie die meisten seiner Ängste: indem er schwimmen gegangen ist. Und sich der Sache gestellt hat. Zudem frage ich mich, in welcher Weise das  Wasch-Verhalten einer Person ihre politischen Entscheidungen beeinflusst.
Nun, Louis XV hat die zweifelhafte Ehre, im Geschichtsbuch nicht aufzutauchen. Schade eigentlich, denn in seiner Regierungszeit sind viele Gründe für die spätere Revolution zu sehen. Aber wahrscheinlich ist es zu komplex, sich damit auseinander zu setzen. Also machen wir den Bogen doch ganz einfach: Louis XIV, Der Staat bin ich, gefolgt von einer durchgeknallten österreichischen Prinzessin, die abgebrüht auch noch gesagt hat: dann sollen sie doch Kuchen essen. Marie Antoinette, ich bitte Euch sehr um Verzeihung. Dieser Satz soll lediglich der Verdeutlichung dienen. Denn auch hier: ein solcher Satz ist historisch nicht belegt und wurde nicht gesagt. Zum vorgeblichen Nichts des Königs gibt es eine schlüssige Erklärung. Aber nein, folgende ist einfacher: das Volk erkennt endlich, dass es tyrannisiert wird, und wehrt sich. Na klar.
Merkwürdigerweise ist der  ein paar Jahre  später auftauchende Korse wieder ein großer Held. Komisch, er kommt an die Macht durch einen Staatsstreich, krönt sich selbst zum Kaiser, König genügt offensichtlich nicht mehr,  verfolgt einen armen Bourbonen-Prinzen bis auf deutsches Gebiet und lässt ihn dort hinrichten, verwüstet mal kurz ganz Europa und richtet in zehn Jahren mehr Schäden an als alle französischen Könige vor ihm, aber im Geschichtsbuch ist er cool.
So, jetzt kommen wir in den Bereich, wo die Geschichte sich beeilen muss. Ich sagte ja schon, die Epochen werden unterschiedlich dargestellt. Ab Bismarck zieht sich das ganze in der deutschen Geschichte in die Länge. Noch dramatischer wird es, wenn es um den ersten Weltkrieg und die anschließende Weimarer Republik geht. Hier wird nichts mehr punktuell herausgegriffen, hier muss man plötzlich minutiös Tag für Tag für Tag berichten. Gleiches gilt für Hitlers Machtergreifung. Hier muss man plötzlich nicht nur die Jahre lernen, sondern auch die Tage. Inklusive, was ab und an zu Mittag gegessen wurde. Und inklusive verstörender Filme, die den Jugendlichen klarmachen sollen: das darf in Deutschland nie wieder passieren.
Nun, was den letzten Teil angeht, muss ich sagen: verfehlt. Der Rechtsruck ist wieder da. Und es ist vollkommen gleichgültig, gegen wen er sich richtet. Vielleicht gelingt manchen der Transfer nicht, und glaubt tatsächlich, rechts bedeutet: gegen die Juden. Für mich ist es aber persönlich keine Entschuldigung. Im Gegenteil, mein Fazit: die Menschen lernen nicht aus der Geschichte, und das, was sie aus dem Unterricht mitnehmen, sind häufig fehlerhafte Informationen, die über Jahrzehnte nicht korrigiert werden. Also, schafft doch einfach den Geschichtsunterricht ab. Wer sich interessiert, liest ohnehin, meistens schon vor der siebten Klasse, und hat die Chance, auf Bücher zu treffen, in denen tatsächlich Geschichte geschrieben steht, und allen anderen ist es ohnehin gleichgültig. Die gehen lieber raus und jagen Pokemons.

Nachsatz: Ich habe auch während meiner Recherchen großartige Geschichtslehrer kennen gelernt, die sich ebenso an den gängigen Vorurteilen stören wie ich. Die sich die Mühe machen, eigene Unterrichtsmaterialien vorzubereiten. Die selbst recherchieren. Die Geschichte erzählen wie einen Roman, mit Spannung, und denen die Schüler an den Lippen hängen. Diesen Lehrern gilt mein Respekt und meine Hochachtung. Schade, dass es von ihnen viel zu wenige gibt.