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Il y a deux histoires: l’histoire officielle, menteuse, puis l’histoire secrète où sont les véritables causes des événements.

Geschichte gibt es immer zweifach: die offizielle, lügnerisch, und daneben die geheime, die die wahrhaften Gründe für die Ereignisse kennt.

Honoré de Balzac

C’est étrange, mais vrai; car la vérité est toujours étrange, plus étrange que la fiction.

Es ist verwunderlich, aber wahr; denn die Wahrheit ist immer verwunderlich, verwunderlicher als die Dichtung.

Lord Byron

Liebe Leser,

Zum Geburtstag des Königs muss etwas Besonderes her. Ich habe mich vor kurzem bereits mit dem Thema befasst, wie und in welcher Weise Übersetzungen zu Geschichtsklitterung beitragen können. Heute möchte ich mich damit befassen, wie offizielle Dokumente zur Geschichtsklitterung beitragen können.

Offizielle Dokumente? Ja, ganz recht. Meist ist es ja so, dass die von vorhandenen Dokumenten gestützte offizielle Geschichte als die wahre gilt. Geschichte birgt unglaublich viele Geheimnisse, und ab und an machen sich Menschen auf und versuchen, diese Geheimnisse zu ergründen. Welch unglaublich schwere Arbeit das ist, das habe ich selbst erfahren.

Denn: die offizielle Geschichte kann zumindest Quellen nennen, während die geheime, meist wahre Geschichte selten Dokumente zurücklässt, und wenn doch, diese natürlich verborgen gehalten werden und nicht in Archiven zu finden sind – oder, wenn sie es sind, dann nicht der Öffentlichkeit zugänglich. In einem kleinen Ort in der Touraine beispielsweise gibt es einen Mann, der einen geheimen Brief von Louis XIV an Louise de La Vallière sowie deren Antwort sein eigen nennt. Warum ich das weiß? Weil ich diesen Mann getroffen habe. Warum ich nicht konkreter werde? Weil meine Quelle nicht möchte, dass ich das tue.

Vor einigen Tagen erst ist der vorgeblich letzte Brief des bayerischen Königs Ludwig II aufgetaucht. Und nun stürzen sich die Wissenschaftler darauf: war der Bayern König vielleicht doch nicht irre? Nun, dass er das nicht war, darüber schrieb ich bereits in meinem Buch.

Auch bei meinen Recherchen über Ludwig II. bin ich auf Menschen getroffen, die ihr Leben der Sache verschrieben haben, die Ehre des Bayern Königs wiederherzustellen. Ich kann das gut verstehen, eine ähnliche Aufgabe verfolge ich ja auch. Das Interessante war, dass ich bei allen Personen, mich eingeschlossen, die gleiche Motivation erfahren habe: Gerechtigkeit. Denn die offizielle Geschichte ist dieses meistens nicht.

Und auch hier, als ich mit den Menschen sprach, stützten sich deren Erkenntnisse auf nicht herausgegebene Dokumente, und, im ersten Augenblick erstaunlich, auf Mund zu Mund Erzählungen. Die Anfänge waren oft ähnlich wie bei mir: man stieß, meist durch Zufall, auf irgend eine Ungereimtheit in einem offiziellen Dokument, und begann daraufhin zu suchen.

Bei mir war es ein Dokument in einem französischen Stadt-Archiv:

« Le Roy prit la décision … Parce que la Dame de La Vallière le volût. »
« Der König traf die Entscheidung … weil die Dame de La Vallière es so wollte. »

Nun, der Eintrag stammt von 1685. Ein Jahr, in dem sich Louise de La Vallière im Kloster befindet. Eigentlich. Der offiziellen Geschichte getreu. Ich merkte und begann zu suchen.

In manchen Dokumenten nannte man sie plötzlich Madame de La Vallière – zu einer Zeit, in der die Gesellschaftsordnung eine unverheiratete Frau nicht mit einem solchen Titel anspricht. Die offizielle Geschichte erklärt dies mit der Tatsache, dass Louise durch ihre Mutterschaft ja zur Frau geworden sei. Nun – unverheiratet Mutter zu werden, führt nicht automatisch zu einer Anrede mit Madame.

Die geheime Geschichte hinterlässt also häufig keine Dokumente, beziehungsweise macht sie nicht zugänglich. Und nun kommt die Mentalität unseres Kulturkreises hinzu: in einer Zeit, in der die Wissenschaft an manchen Stellen sogar schon Intuition und Vertrauen abgelöst hat, ist für viele nur maßgeblich, was man zu sehen bekommt. Wenn diese Dokumente Widersprüche aufweisen, ist das weniger ein Problem, denn diese Dokumente gibt es. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass viele Elemente unseres Kulturguts, beispielsweise die Märchen, mündlich überliefert worden sind. Das ist in einigen Fällen der inoffiziellen Geschichte nicht anders.

Ein weiterer Punkt: zwischen diversen Ereignissen und heute liegen etliche Kriege. Oder vielleicht sogar Revolutionen. Manche Dokumente sind versehentlich verschwunden oder zerstört worden, manche aber auch mit vollkommener Absicht. Es sind Passagen gestrichen und umgeschrieben worden, im Augenblick werden Zweifel erhoben an den sogenannten Memoiren von Louis XIV. Dazu verweise ich auf den Artikel zum Thema Übersetzungen.

Und dann darf man nicht vergessen, dass in besonders gefährlichen Zeiten natürlich nicht mit Papier und Tinte hantiert worden ist, sondern mit Geheimschriften. Ich spreche hier nicht von Code, sondern beispielsweise von der Technik, mit Nadeln Botschaften in ein Papier zu stechen. Marie Antoinette selbst hat sich in ihrer Gefangenschaft dieser Technik bedient. Besonders gefährliche Nachrichten wurden in gefährlichen Zeiten häufig mündlich überliefert.

Und doch gibt es überall Augenzeugen. Quellen für die inoffizielle Geschichte findet man an den erstaunlichsten Orten. Da hat doch ein Bauer, entgegen der heutigen Annahme, zu lesen und zu schreiben gewusst und Anmerkungen über den Besuch der Königin Louise gemacht – in einem Tagebuch, dass die Familie seitdem wie einen Schatz hütet. Ist es offiziell geworden? Nein, natürlich nicht. Diener schreiben auf und hinterlassen, Unterlagen werden an geheimen Orten deponiert oder dort, wo man annimmt, dass dort niemand suchen wird. Oder sie sind vielfach in Privatbesitz!

Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Geschichte natürlich auch immer politisches Mittel ist. Geschichte wird zur Bildung eingesetzt, und damit meine ich nicht Weiterbildung, sondern politische Bildung im Sinne des Staates, in dem man aufwächst. Nicht umsonst werden die Parallelen in der deutsch-französischen Geschichte auf beiden Seiten immer noch unterschiedlich dargestellt.

Ein ganz großes Problem ist in meinen Augen, dass man sich natürlich auch immer von seinem eigenen Leitbild und dem, was man gelernt hat, leiten lässt. So geschieht es selten, dass man in den heutigen Zeiten der Monarchie neutral oder positiv gegenübertritt. Eine entsprechende Haltung findet sich dann auch in manchen Büchern. Louis XIV ist per se ein Verschwender – tatsächlich ist er einer der wenigen, der einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt hatte – ein Autokrat, was auch immer. Man kann sich häufig des Eindrucks nicht erwehren, dass er nicht so gezeigt wird, wie er war, sondern so, wie man glaubt, dass er war – weil die im Kopf vorhandene Vorstellung zu einem sogenannten absoluten König besser passt. Und so bleiben viele Dinge unerwähnt. Die Einführung von Kindergeld 1667 beispielsweise. Die Zahlung von Renten an die Versailler Arbeiter. Der Import von Getreide, und es während einer Hungersnot kostenlos verteilen zu lassen, 1661. Das Recht jedes französischen Bürgers, vor seinen König zu treten und von ihm Rechtsprechung zu verlangen. Versuchen Sie das doch einmal mit Frau Merkel.

Den inoffiziellen Quellen zu folgen, ist ein langwieriger und mühsamer Weg, aber auch ein Weg, der mit tiefer Freude erfüllt, das ans Tageslicht befördert zu dürfen, was sonst vielleicht verborgen geblieben wäre.

In Gedenken an Louis XIV und seine vergessene Königin.