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Ihr Lieben,

heute ist Saint Louis. Ein Namenstag, den ich natürlich begehen muss! Und ich tue das mit einem Artikel, der mir schon seit längerem unter den Nägeln brennt.

Dass die moderne Geschichtsschreibung und ich uns einander nicht so unbedingt lieb haben, ist ja bekannt. Dass mein Buch auf Recherchen fußt, deren Ergebnisse nach und nach auf anderen Seiten ebenfalls auftauchen, auch. In meinen Berichten über meine Recherche habe ich mehrfach erläutert, dass Geschichte auch immer Mittel zur Politisierung ist. Oder zur Erziehung. Als ich, selbst noch Studentin, einen Aufsatz über den so genannten Absolutismus verfasste, war ich wohl etwas zu wohlwollend. Ich möchte jetzt keine Diskussion auslösen, aber ja, ich stehe dem Absolutismus positiv gegenüber. Das kann ich begründen und habe dies auch in dem Aufsatz getan. Die Folge war eine Ablehnung dieses Aufsatzes mit folgender Begründung:

Geschichte dient auch immer dem Erziehungsauftrag. In der Schule wird ja darauf hin gearbeitet, den Schüler gemäß der Idee der Bundesrepublik Deutschland zu erziehen, und da ist ein positives Leitbild des Absolutismus fehl am Platze.

Daraufhin sagte ich:

Augenblick, aber Meinungsfreiheit ist doch auch eines der Leitziele der Bundesrepublik. Das hier ist gerade meine Meinung. Und ich kann sie erklären und begründen.

Die Antwort lautete:

Ihre Meinung geht aber nicht konform mit den Erziehungszielen, die wir hier voraussetzen. Entsprechend können wir sie nicht gelten lassen.

Oh, dachte ich, da ist Louis XIV toleranter. Und es gab mir zu denken. Als ich dann in Frankreich studierte, begegneten mir viele Dokumente aus dem Geschichtsunterricht in französischer Sprache wieder. Und ich staunte nicht schlecht, denn die Originaldokumente von Louis XIV lesen sich in französischer Sprache ganz anders als die aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfetzen der deutschen Geschichtsbücher. Das machte mich dann nachdenklich, und ich forschte nach.

Ein weiteres Erlebnis hatte ich, als ich Versailles besuchte – und zum ersten Mal an einer deutschsprachigen Führung teilnahm, weil eine Freundin dabei war, die der französischen Sprache nicht mächtig war. Ich war überrascht, wie negativ die Darstellung des Königs plötzlich behaftet war. Ich fragte also nach. Die Antwort:

Wissen Sie, wir sind hier auf Einnahmen angewiesen. Deutschen Touristen können wir nicht erklären, dass der große König in Frankreich ganz anders eingeschätzt wird. Aus Sicht der deutschen Geschichte wird ja leider ein anderes Bild gezeichnet. Dies müssen wir in gewisser Weise bedienen.

Stimmt. Die deutsche Geschichte bezeichnet hartnäckig den französischen König als Aggressor für den spanischen Erbfolgekrieg. Die französische Geschichte sieht das anders. Die Unterlagen, zum Glück auch noch einmal durch einen deutschen Historiker ausgewertet, sehen den Habsburger deutlich in der Verantwortung. Es liest sich in deutschen Büchern aber nicht so schön, und so muss wieder einmal der französische König als Schuldiger herhalten.

Ein anderes Beispiel: Ich las vor kurzem einen Roman über die Anfänge von Louise de La Vallière und Louis XIV. Die Autoren sind offensichtlich der Empfehlung ihres Lektors gefolgt und haben, im Gegensatz zu mir, die gewünschte Erotik im Buch untergebracht. Ein Satz blieb mir besonders in Erinnerung: Der König näherte sich seiner Geliebten mit « brutalen Gesten ». Hmm, dachte ich, ich weiß ja nicht, ob ich als Frau über ein solches Vorgehen unbedingt so entzückt wäre. Also nahm ich mir die französische Fassung des Romans vor, und sieh an: das Adjektiv, das dort gewählt worden ist, kann unter Umständen brutal bedeuten. Hauptsächlich bedeutet es aber leidenschaftlich. Der König näherte sich also mit leidenschaftlichen Gesten. Ein deutscher Leser wird die Sache aber gegebenenfalls anders und sogar falsch interpretieren. Und schon ist wieder ein Bild gezeichnet.

Ganz dramatisches Beispiel: die wunderbaren Romane von Dumas. Bei ihm ist natürlich einiges Fiktion, an manchen Stellen hat man übrigens den Eindruck, dass sie nicht vom Schriftsteller selbst stammen, aber die französischen Ausgaben sind zum Teil doppelt so dick. Ich habe mir also die angeblich vollständige deutsche Ausgabe besorgt und mit der französischen verglichen. Es fehlen ganze Kapitel, insbesondere die, die historische Sicht auf verschiedene Ereignisse zeigen.

Im vorgeblich letzten Teil von Dumas, der den Titel « Louise de La Vallière » trägt, sind insbesondere die Teile, die den König auch als manchmal unsicheren und im Ausdruck seiner Gefühle wenig erfahrenen Mann zeigen, komplett gestrichen. Schade, denn sie enthalten den Charme des suchenden Liebenden, der versucht, seiner Geliebten seine Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen. Von Louise de La Vallière fehlen einige Passagen, die durchaus zeigen, dass sie eine selbstständige und denkende Frau ist.

Ein letztes Beispiel aus eigener Erfahrung: auch über die Physiognomie des Königs werden aufgrund historischer Irrtümer gerne falschen Spekulationen aufgesessen. In vielen alten Büchern liest man noch von einer Körpergröße von 1 m 65. Die gleichen Bücher teilen übrigens mit, dass seine erste Frau, die Königin Marie Thérèse, fast 30 cm kleiner gewesen sein soll als der König. Also bitte, rechne das mal jemand nach? 

Ich habe in einem Aufsatz erklärt, wie es zu diesem Irrtum gekommen ist. Einen weiteren habe ich aufgegriffen, es geht dabei um die Augenfarbe des Königs – auf einigen wenigen Gemälden ist tatsächlich zu sehen, dass sie grün ist, nicht braun, wie vielfach angegeben. Das wäre genetisch auch seltsam. Als mein Aufsatz dann in die französische Übersetzung gegangen und lektoriert worden war, hatte der Lektor selbsttätig die Augenfarbe geändert. Und zwar in das, was er glaubte. Zum Glück lese ich französische Texte grundsätzlich immer noch einmal gegen, um zu schauen, ob in meine Übersetzung nicht eingegriffen worden ist. Die Körpergröße des Königs beträgt übrigens ungefähr 1 m 87. Ohne Schuhe und ohne Perücke.

Mit den folgenden Sätzen  lehne ich mich wahrscheinlich sehr aus dem Fenster. Aber ich bezweifle, dass man tatsächlich wirklich korrekte Schreibung betreiben kann, wenn man sich nicht mit den Dokumenten in der Originalsprache auseinandersetzt – und selbst das kann  schwierig werden, weil diverse Dokumente verschwunden oder verfälscht worden sind. Viele Bücher über Geschichte basieren auf Übersetzungen. Oder auf Sekundärliteratur, die ihrerseits schon falsche Quellen aufgreift. Doch auch das halte ich für die Aufgabe eines Autors, der historisch schreibt.