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Ihr Lieben,

Das hier war gestern meine Geschichte des Tages vom 24. Mai. Das Foto, das ich hier hinzufüge, ist ein Geschenk meiner lieben Katharine und erinnert mich immer wieder aufs Neue an Maxl und die Zauberblume.

Außerdem widme ich diese Geschichte Nicole Knappstein und ihrer kleinen Familie, denn durch ein Foto, dass sie in der Gruppe geteilt hat und ihre Tochter mit der ersten Gänseblume in der Hand zeigt, ist diese Geschichte entstanden.

Das Geheimnis der Gänseblume

„Wer bist Du?“ fragt die Margerite das kleine Gänseblümchen, das sich in ihren Schatten schmiegt. „Du siehst mir ähnlich.“
„Ich bin Dir ähnlich“, sagt das Gänseblümchen, „doch ich ducke mich in den Schutz der Königin, Reyne Marguérite.“
„Schutz?“ fragt die Margerite zurück.
Das Gänseblümchen seufzt.
„Einst, ma chère Reyne, war ich eine Nymphe. Eine Dryade, um genau zu sein. Die Römer kannten meine Bedeutung noch. Ich war Herrrscherin der Wälder, und indem ich mit meinen Schwestern am Waldesrand tanzte, schützte ich ihn und ihre Bewohner.“
„Was geschah Dir?“ fragt die Margerite.
„Was bringt einen zu Fall?“ entgegnet die Gänseblume. „Ruhm und Ehre.“ Sie lässt ihren Blütenkopf sinken.
„Erzähle“, fordert die Margerite auf.
„Ich begegnete einem König und verlor meine Unschuld und Reinheit.“
Die Margerite richtet sich auf.
„Erzähle mehr“, bittet sie.
„Meine Bestimmung ist es, Königen zu dienen. Doch manchmal zahlt man dafür einen Preis. Als ich noch eine Nymphe war, entdeckte mich der Gott Vertumne, der einst ein etruskischer König war.“
Die Gänseblume hält inne und lacht.
„Vertumne enthält das französische Wort vertu – Tugend. Nun, besonders tugendsam war der Gottkönig nicht. Seine Aufgabe ist der Fruchtbarkeit gewidmet, und mit diesem Ansinnen verfolgte er auch mich.“
„Gelang es ihm, Euch in seine Fänge zu bekommen, Mademoiselle la Pâquerette?“
„Nein“, antwortet die Gänseblume, „ich entging ihm, indem ich mich in das verwandelte, was Ihr nun seht. Ein kleines Blümlein fein, das sich nicht opfern darf, denn ich selbst bin der Göttin geweiht. Die Kelten nennen sie Ostara.“
„Die Begrüßerin des Frühlings.“
„Ja“, sagt die Gänseblume. „Die Begrüßerin des Frühlings. Deshalb ist mein französischer Name Pâquerette. Osterblümchen. Ich bin die, die die gelbe Sonne trägt.“
Die Margerite richtet sich auf.
„Deshalb ist überall Leben, wo Du bist.“
Die Gänseblume nickt.
„Kinder erkennen mich noch. Ich lasse mich nur von denen pflücken, die sanften und reinen Geistes sind. Im Laufe der Jahrtausende haben das einige erkannt. Ich bin auch der Mutter Marie ans Herz gewachsen. Und diese ist…“
„… die Schutzpatronin der französischen Königinnen. Deshalb tragen sie die Lilienkrone“, haucht die Margerite.
Die Gänseblume gestattet sich einen Augenblick des Stolzes.
„Es sind die Könige, die herrschen. Es sind die Königinnen, die schützen. Der französische König Louis IX, den man auch le Saint, den Heiligen, nennt, trug mich mit den Lilien im Wappen.“
„Ihr seid überall dort, wo man Eure Bedeutung erkennt, nicht wahr?“ flüstert die Margerite. „Wenn Ihr Eure Kelche öffnet, beginnt die Sonne zu scheinen.“
„Manchmal fügt sich zusammen, was zusammen gehört. Le Roy Louis IX – seine Frau war Marguérite de Provence.“
Die Gänseblume lächelt die Margerite an.
„Und er ließ einen Ring fertigen, der dem geflochtenen Kranz der Pâquerette nachempfunden ist.“
Die Margerite hält den Atem an.
„Wo ist der Ring jetzt?“
„Oh“, sagt die Gänseblume, „er ist noch hier. Eines Tages werden Weise kommen und ihn finden. Die Spur zu der, die ihn zuletzt getragen hat, wird sie führen.“
„Wer trug ihn?“
„Wisst Ihr“, sagt die Gänseblume versonnen, „wir stehen hier und sehen einiges. Die, die uns zuhören, erkennen unsere Weisheit.“
„Wer hat Euch zugehört?“ fragt die Margerite.
„Der, den man nun le Roy Soleil, den Sonnenkönig, nennt. Er flocht einen Kranz aus meinen Ahninnen und setzte ihn seiner späteren Frau, der Reyne Louise, auf’s Haupt. Und er übergab ihr diesen Ring. Sie, sie verstand auch. Jeden Tag kam sie hierher, mit ihm oder allein, und sie dankte. Solange Ihr die Kelche öffnet“, so sprach sie, „wird die Sonne scheinen. Monsieur Le Nôtre erhielt die Anweisung, niemals eine von uns zu entwurzeln.“
„Und nun“, fährt die Margerite fort, „nun wartet Ihr.“
„Nun“, bestätigt die Gänseblume, „nun warte ich. Darauf, dass der Ring gefunden wird. Denn er ist noch hier“, spricht sie und richtet sich auf, dort, an einer der unbekannten Stelle in den Gärten von Versailles, dort, wo die Reisenden keinen Weg hinfinden, dort, wo die Welt seit Jahrhunderten im Schlafe ruht. Eines Tages, denkt die Gänseblume und nickt im Schatten der Margerite, ihrer Schwester.

Louise Bourbon, 2016