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Liebe Frau Merkel,
Eigentlich habe ich gar nicht so viel zu sagen, und doch umso mehr. Wissen Sie, dass man sich in der Politik einmal verschätzt, beispielsweise bei der Flüchtlingsfrage, mit einem solchen Massenandrang haben wahrscheinlich auch Sie nicht gerechnet, das kann passieren. Ich nehme Ihnen noch nicht einmal übel, dass Ihre Partei, damit sind Sie im übrigen nicht allein, vor den Wahlen das Blaue vom Himmel herunter verspricht und anschließend nichts einhält. Schließlich wäre man als Politiker schön blöd, würde man immer seine wahren Motive enthüllen, und der Einzelne ist selbst schuld, nimmt er Wahlversprechen für bare Münze.

Der Nachteil der Demokratie ist schließlich der, dass jeder, wirklich jeder zu irgendetwas gewählt werden kann. Das ist schon merkwürdig: insbesondere in Deutschland braucht man für alles eine Ausbildung. Schließlich kann ich nicht einfach  hergehen, eine Arztpraxis aufmachen und mich Medizinerin nennen. Oder Anwältin. Aber Politiker, das kann jeder sein. Seltsam, finde ich. Ein Beruf mit einer solch wesentlichen Bedeutsamkeit sollte doch mit etwas mehr Kenntnis ausgeübt werden.

Und: ein Esel nennt den anderen Langohr. Sind die Menschen wirklich in der Lage, zu erkennen, was gut für sie ist? Und sogar wenn dem so sei, dann ist es ja eine merkwürdige Form der Demokratie, habe ich doch noch nicht einmal die Möglichkeit, selbst den Kanzler  zu wählen. Ich muss den nehmen, der mir von einer Partei präsentiert wird.

Und: was bedeutet eigentlich Beruf? Schließlich kommt das Wort von Berufung. Doch ich will ehrlich sein, bei keinem der heutigen Politiker erkenne ich noch eine solche. Ich habe auch kein Problem mit Ihrer politischen Vergangenheit,  wobei ich gestehen muss, dass ich persönlich nicht an einen Richtungswechsel glaube. Wenn man dem politischen Bild in der DDR  so angehangen hat, dass man sogar studieren durfte, fällt es mir schwer, anzunehmen, dass man nun plötzlich vollständig hinter der Demokratie steht. Ich bin da ehrlicher und gebe generell zu, dass ich an die Staatsform der Monarchie  glaube. Ja, jemand, der über Jahre für sein Amt ausgebildet wird, erscheint mir vertrauenswürdiger.  Ich glaube nun einmal nicht daran, dass Menschen lediglich  durch ihre Wahl befähigt  werden.

Was ich Ihnen wirklich vorwerfe, sind folgende Dinge: Sie handeln nicht.  Sie reden nur. Respekt, Ihre Rhetorik ist beeindruckend.  Selten habe ich so viele gravitätische Phrasen ohne so wenig Inhalt vernommen. Die Germanistin in mir schreit beim Wort alternativlos. Doch genau das, Frau Merkel, erregt in mir den Unmut, und damit bin ich sicherlich nicht allein. Wenn ich an Ihre Regierungszeit, nennen wir das getrost so, denke, fällt mir eine Veränderung ein: die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Bravo.

Frau Merkel, eines wollen wir klarstellen: generell bin ich der Meinung, dass jeder Mensch dort leben soll, wo er in Frieden leben kann. Politisch Verfolgte sollen natürlich aufgenommen werden. Doch sollte das nicht mit einem Plan erfolgen? Im Augenblick wirkt  Ihre Regierung sehr überfordert, und Pläne, was man mit den Armen gestrandeten Menschen nun tun soll, haben Sie offensichtlich auch nicht.

Sind Fachkräfte da, um Ihnen Deutsch beizubringen? Schließlich wollen sie hier leben und arbeiten. Ist genügend Wohnraum vorhanden?  Wissen Sie, wie man den Menschen hier die Angst vor der Situation nehmen kann? Offenbar nicht. Erklären Sie den Menschen, dass die meisten eingereisten vollkommen friedlich und wirklich einfach verzweifelt sind? Nein. Stattdessen gibt man den wenigen, die sich nicht integrieren wollen, viel zu viel Raum. Erklären Sie den Eingereisten, dass Sie eigentlich gar nicht wissen, wohin mit ihnen? Erklären Sie den Rentnern, die sich mit Hartz IV aufstocken, warum Sie der Meinung sind, dass es Deutschland gut geht? Und: Der Verweis auf andere Staaten, in denen es noch schlechter läuft, das ist nun wirklich kein Beispiel. Man sollte sich am Guten orientieren, nicht am Schlechten.

Stattdessen wird das ganze noch etwas skandalöser: nach den Vorfällen in Köln ist doch lediglich bei der Polizei ein Bauern-Opfer gesucht worden. Ziehen Sie sich einen Schuh an? Irgend ein Politiker des Landes Nordrhein-Westfalen? Nein.  Das, Frau Merkel, das macht wirklich unfroh.

Also Frau Merkel: was gedenken Sie zu tun? Vielleicht sollten Sie einmal nicht darüber nachdenken, wie Sie in den nächsten Jahren im Geschichtsbuch wegkommen, sondern sich tatsächlich einmal für diejenigen interessieren, die indirekt für Ihre Wahl verantwortlich sind: das deutsche Volk.

Gehen Sie doch mit gutem Beispiel voran und nehmen ein paar Flüchtlinge auf. Bringen Sie Ihnen Deutschland nahe, die Sprache, die Kultur. Unterhalten Sie sich mit ihnen, und wahrscheinlich werden Sie sogar feststellen, dass der Austausch zwischen den Kulturen ausgesprochen spannend ist. Damit meine ich nicht, dass es genügt, den Kopf eines Kindes zu tätscheln.

Ich schließe mit einem guten Rat des Königs  Louis XIV,  ich vermute, von dem Herrn haben Sie vielleicht gehört. Wahrscheinlich wird er in Ihrem Schulunterricht nicht besonders gut davon gekommen sein, aber ich muss sagen, dass ich dankbar wäre, hätten die heutigen Politiker im ganzen Leib mindestens das politische Talent, das der König im kleinen Finger hat. Folgendes ist in den Aufzeichnungen des Königs zu finden:

Ne préférez pas ceux qui vous flatterons le plus: estimez ceux qui, pour le bien, hasarderont de vous déplaire: ce sont là vos véritables amis.

Zieht nicht diejenigen vor, die Euch am meisten schmeicheln, schätzt diejenigen, die, um das Gute zu wollen, es wagen, Euch zu missfallen: diese sind denn eure wahren Freunde.

Sehr weise, der König. Einige seiner Schriften sollte man definitiv jedem Politiker zu lesen geben.

Und nun noch einmal auf Deutsch: vergessen Sie die Lobby. Versetzen Sie sich einmal in diejenigen, die Sie repräsentieren: das deutsche Volk.

Wenn mir nun jetzt übrigens jemand kommt mit: wenn man kritisiert, sollte man besser machen, dann wisset bitte folgendes: diesen Job würde ich sofort übernehmen, wenn mich jemand fragen würde. Sofort.
Votre Louise