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Meine über alles Geliebte,

es ist bald an der Zeit. Ich muss gehen, ich ebenfalls, endlich. Dies ist mein letzter Brief an Dich, lächerlich vielleicht, aber ich glaube ganz fest, dass an dem Ort, an dem Du Dich jetzt befindest, Du diese Zeilen erhalten wirst.

Seit dem Moment, als Du gegangen bist, verging kein Tag, an dem ich nicht an Dich dachte, und um meine Trauer einzudämmen, die mich nie verlassen hat, habe ich mir Dich als einen Schutzengel vorgestellt, als meinen Schutzengel, der über mich wacht.

Ich will nicht mehr, ma Louise, mein Leben hat keinen Sinn mehr. Der Krieg ist zu Ende, Gott sei Dank, ein Krieg, der schrecklicher und notwendiger noch war als all die anderen. Und nun, nun bin ich allein, vollkommen allein.

Ich habe nichts als das, was man mein Lebenswerk nennt. Ich habe mein Reich vergrößert, man nennt mich Louis le Grand, man besingt meine Bemühungen und meine Verdienste, aber niemand weiß um die Schmerzen, die Martern. Ich habe bezahlt.

Das Amt des Königs ist ein schreckliches, Louise, Du weißt es, und das seiner Gattin nicht weniger. Macht. Glanz. Prunk. Dreck. Eitelkeiten. Schein. Niemand bekommt die Welt mehr in ihrer Verderbtheit zu sehen, als diejenigen, die sie führen sollen.

Und doch, in all meiner Trauer, all meiner Verzweiflung, hatte ich doch mehr Glück als viele meines Standes. In diesen Tagen muss ich häufig an meinen Vater denken. Wie hat er es ertragen, dieses schreckliche Amt, diese Bürde, ohne Liebe, ohne Hoffnung, ohne Halt in seinem Leben, an der kalten Schulter meiner Mutter, ohne wärmenden, besänftigenden, kräftigenden Trost in der Nacht?

Louise, Licht, das die Nacht erhellt und meine Tage zum Leuchten bringt, was wäre ich gewesen ohne Dich? Nichts. Keine Worte können die Bedeutung wirklich fassen, die Liebe beschreiben, die ich für Dich trage.

Ma Louise, ich habe meine Liebe für meine Verdienste gegeben. Immer wieder auf’s Neue frage ich mich, ob es das wert war. All die anderen sind gegangen, ma Louise. Ich habe meinen Sohn verloren, meine Enkel, du erlebtest und trugst mit mir meinen Schmerz, und der einzige direkte Erbe ist mein Urenkel, ein Junge von fünf Jahren.

Ein Kindkönig, wieder einmal. Kindkönige scheinen der Fluch des Hauses Bourbon zu sein, einer von einigen. Es hätte anders sein können, wenn ich… Lassen wir das. Ich habe Angst, ma Louise, ich habe solch große Angst.

Ich habe einen Plan ersonnen, um dieser Gefahr des Kindkönigs zu weichen, doch wird er gelingen? Louise, ich habe in meinem Testament in die Erbfolge eingegriffen, doch wird man das hinnehmen? Es wird dieser Kindkönig sein, ich spüre es. Wird er das bewahren können, was ich ihm hinterlassen werde? Der Gedanke, dass all meine Anstrengungen umsonst waren, zerbricht mir das Herz. Ich habe zu viel dafür hingegeben.

Das größte Laster des Menschen ist die Eitelkeit, und ich bin ihrer schuldig. Im Nachhinein erscheinen mir meine Anstrengungen so lächerlich, aber dies war doch meine Aufgabe, meine Position, durch Gott gegeben. Ich hatte eine übergebene Verantwortung.

Meine Abdankung, wäre sie eine mögliche Lösung gewesen?

„Niemals“, sagtest Du mir damals, „du würdest es aus tiefstem Herzen bedauern. Durch die Gnade Gottes, der dich zum König von Frankreich und Navarra gemacht hat, ist dies deine Aufgabe.“

Mein Herz, meine Seele, Licht meines Lebens, meine Sonne – du warst eine große Königin. Du könntest so auch in der Welt gelten, wenn meine Pläne mit Erfolg gekrönt gewesen wären. Aber du wolltest es nicht, nicht in diesem Maße. Du wolltest nicht, dass man dir Denkmäler und Statuen baut, du wolltest nicht, dass man deine Geschichte schreibt. Geliebte, ich fürchte, dass dir diese Entscheidung zum Verhängnis werden wird.

Nun ist es wie es ist, mein Liebling. Ich weiß, dass ich gehen muss, bald. Ich bin nicht traurig darüber, ich habe genug. Im Gegenteil, die Hoffnung, Dich wiederzusehen, mich erneut an Dich binden zu können, uns in der Ewigkeit vereinigen zu können, erfüllt mich mit übergroßer Freude.

„Ich hoffe sehr, dass es noch ein anderes Leben geben wird“, sagtest Du einmal zu mir, „dieses eine ist zu schmerzensreich.“

Ich martere mich, meine Geliebte. Was haben wir getan? Wir haben das größte Theaterstück unseres Lebens gespielt, wir haben die ganze Welt getäuscht. Und warum? War es das wert?

Ich fürchte, dass du Recht hast, Geliebte, was unsere Aufzeichnungen angeht. Mit deiner Gabe hast du gesehen, was geschehen wird, wie man die Geschichte und dich ungeschehen und andere an deinen Platz setzen wird. Dies, Louise, ist mein Beitrag, dir deinen Platz zurück zu geben.

Ma Louise, seitdem Du gegangen bist, sehe ich jeden Abend in die Gärten hinaus – und auch jede Nacht, wenn ich wieder einmal keinen Schlaf finden kann.

Dann schließe ich meine Augen und träume mich in unsere früheren Zeiten zurück. Ich sehe uns beide in den Gärten, sehe Dein Lächeln, den sanften Blick Deiner Augen, höre Dich meinen Namen sprechen, liebevoll, spüre Deine Hände in den meinen, Deine Lippen unter den meinen.

Glücklichste Erinnerungen eines alten Mannes.

Jeden Tag lasse ich mich in die Gärten fahren, mein Herz, an den Ort, an dem ich glaube, Dich spüren zu können.

Louise, Königin, Königin meines Herzens, geliebte Gattin, hast Du mir vergeben? Ich habe nur noch einen einzigen Wunsch: Dich in der Ewigkeit wiederzusehen. Louise, Liebe meines Lebens, ich liebte Dich, ich liebe Dich, ich werde Dich lieben. Für immer.

Erinnerst Du Dich? Du bist mein Herz und meine Seele, meine Liebe und mein Leben. Für immer und ewig. Ich bin Dein Gatte, Du bist meine Frau. Wo Du hingehst, werde ich Dir folgen.

Ich werde all unsere Aufzeichnungen und auch diesen Brief Marie Anne übergeben. Sie muss die Entscheidung treffen. Einen Teil der Verantwortung habe ich unserem Sohn Louis Auguste überlassen. Die Wahrheit wird sich eines Tages zeigen, ich weiß es. Ich muss dies hier beenden, ma Louise, ich bin schwach. Ich sende Dir kein Adieu, ich sende Dir Au Revoir.

Zweifle niemals an meiner Liebe, meine Vielgeliebte. Die Wahrheit ist in Deinem Herzen. Mir bleibt nun nur noch, zu warten. Louise, erwarte mich. Ein letzter Kuss von hier, Sonne meines Lebens, mit keiner anderen zu vergleichen. Ich denke an unser silbernes Band, an unseren Schwur. Deinen und meinen Ring trage ich bei mir. Königin meines Herzens, Liebe meines Lebens, je t’aime. Eternellement.