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Mes chers,

Bevor ich das Bilderrätsel zum Louvre auflöse, folgendes: ich schreibe. Das ist mittlerweile dem ein oder anderen bekannt. Doch worüber? Lasst mich erklären:

Geschichte hat mich seit jeher fasziniert. Als Kind verschlang ich die Was-ist-Was Bücher zum Thema Burgen und Schlösser und liebte die historischen Weltatlanten meiner Großmutter. Dank eines fantastischen und lebendigen Unterrichts   in der siebten und achten Gymnasialklasse wurde mein Interesse gefördert – so sehr, dass die Katastrophe von Lehrer in Klasse neun und zehn mein Interesse nicht mehr zerstören konnte.

Stets kam ich aus dem Geschichtsunterricht nach Hause mit dem Gedankengang „Wie geht es weiter?“ Meine Großmutter gab mir zu lesen, was mich interessierte. Caesar. Augustus. Attila. Karl der Große, passend zur Thematik des Schulunterrichts. Alles gute Typen – ja, bis auf Attila vielleicht, aber man muss ihm durchaus seine Qualitäten zu gestehen.

Meine erste „Begegnung“ mit Louis le Grand hatte ich, als ich im jugendlichen Alter von ungefähr fünf oder sechs Jahren an einem verregneten Sonntag in der Bibliothek meiner Großmutter in einem „Bildband zur europäischen Geschichte“ blätterte und auf das bekannte Bild von Hyacinthe Rigaud aus den Jahren 1701/02 stieß. Zur Verdeutlichung habe ich es in diesen Artikel aufgenommen.

In Zeiten ohne Internet und Multimedia war dieses Bild lange Zeit das einzige mir bekannte Bild des Königs  – was schade ist, denn es gibt wundervolle Bilder von ihm, die man aber aus irgend einem Grund nicht in Büchern verwendet.

Wie dem auch sei, dieses Bild ließ mich nicht mehr los, viele Jahre lang nicht. Im Alter von zwölf oder 13 Jahren war mein Interesse soweit erwacht, dass ich auch die Geschichte hinter dem Bild erfahren wollte.

Bei genauerer Betrachtung dieses Bildes fiel mir die Widersprüchlichkeit dieses Bildes auf. Die Großartigkeit der Pose, die Darstellung des Herrschers im Krönungsornat mitsamt Insignien wie Krone, Zepter, Schwert sind häufig besprochen worden. Louis XIV war, als Rigaud das Portrait erstellte, 63 Jahre alt – ein Alter, in dem heutzutage viele entweder an die Rente denken oder in Rente sind.

Auffällig ist, dass Rigaud dem Alter Rechnung getragen hat, indem er auf den erstaunlich jugendlich anmutenden Körper ein altes Gesicht gesetzt hat. Die eingefallenen Wangen, Folge der Zahnentfernungen und des zertrümmerten Gaumens, Beweis des Könnens der königlichen Leibärzte, die leichten Pockennarben, die müden Augen, der resignierte, fast Trauer ausstrahlende Blick passen nicht zur Vorstellung von einem Herrscherbildnis. Eine Merkwürdigkeit gesellte sich hinzu, als ich eine Version dieses Bildes in Herrenchiemsee sah. Dazu später mehr.

Daraufhin machte ich mich auf die Suche – nach Bildern und nach Literatur. Als ich mich entschloss, nicht nur über Geschichte zu lesen, sondern auch zu schreiben, habe ich bereits einige Jahre der Recherche über den großen König zugebracht. Dazu gehörte, dass ich jede Biographie verschlang, die ich in die Finger bekam, daneben diverse Quellen und die sogenannte Sekundärliteratur.

Durch den großartigen Unterricht in Französisch, den ich in beiden Ländern erleben durfte, hatte ich auch das Vergnügen, etliche Quellen im Original lesen zu können. Doch während dieser Lesejahre fiel mir eines auf: Während Louis XIV im 17. und auch im 18. Jahrhundert durchaus positiv bewertet wurde, änderte sich dies in den Quellen des 19., 20. und zum Teil auch des 21. Jahrhunderts. Die häufigen Widersprüche, die ich fand, weckten meine Neugier.

Man darf nicht vergessen, dass Geschichtsschreibung auch immer politisches Mittel ist und zugunsten dieses politischen Mittels auch Geschichtsfälschungen betrieben wurden und werden. Gerade im Hinblick auf die unrühmliche deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts findet man unschöne Beispiele im Leugnen des Holocausts. Solchen Geschichtsverfälschungen liegen meist ideologische oder nationalistische Motive zugrunde. So erklärt sich vielleicht auch, warum in Frankreich von Louis le Grand gesprochen wird, während man dem König in Deutschland diese Ehre konsequent entzieht und es beim schlichten Louis XIV belässt.

Diese Form der Geschichtsklitterung ist mir während meiner Schulzeit und auch während meines Studiums der Geschichte im Hinblick auf den Sonnenkönig häufig begegnet. Es passt ja auch alles so schön zusammen: ein französischer König, der dezent zum Größenwahn neigt, führt eben ein bisschen zu viel Krieg und baut ein bisschen zu viel an schicken Schlössern herum. Prompt gibt’s 74 Jahre (sic) nach seinem Tod die Quittung: Das „Volk“ erhebt sich und zeigt dem bösen absolutistischen Herrscher, dass jetzt Schluss ist mit der Tyrannei – die französische Revolution ist die Geburtsstunde der Demokratie.

Man erlaube, dass ich diese „Logik“ in Zweifel ziehe. Das „Volk“ braucht 74 Jahre, um sich zu erheben? Müsste man nicht eher fragen, was während dieser 74 Jahre geschah, anstatt pauschal Louis XIV und den Absolutismus für die Revolution verantwortlich zu machen, wie es auch in der neuesten Geschichtsschreibung noch immer geschieht? Mit diesen Zweifeln, die in mir bereits der Schulunterricht weckte, stürzte ich mich ins Quellenstudium und hatte das Glück, dass ich die großartige Biographie von Vincent Cronin in die Hand gedrückt bekam. Als ich zu Ende gelesen hatte, war meine Vorstellung eine andere – zudem wusste ich , dass ich meinem persönlichen Helden in der Geschichte begegnet war.

Seitdem hat mich die Lebensgeschichte des großen Königs nicht mehr losgelassen, und seitdem es das Internet gibt, haben sich mir neue spannende Quellen für die Recherche erschlossen. So verweist Cronin in seiner Biographie durchaus nicht nur auf den Duc de Saint-Simon und Madame de Sévigné, wenn es um zeitgenössische Aussagen geht doch genau diese beiden sind es, deren Aussagen die Geschichtsbücher füllen.

Nun ja, Madame de Sévigné, hätte sie heutzutage gelebt, würde wahrscheinlich für die Bunte schreiben und wäre Hofberichterstatterin der ARD und könnte all die schicken Königshochzeiten kommentieren. Louis de Rouvroy, Duc de Saint-Simon, Jahrgang 1675, also geboren, als Louis XIV 36 Jahre alt war, hat selbst erst die letzten Regierungsjahre des Königs tatsächlich erlebt. Seine berühmten Memoiren sind einer latenten Opposition gegen den König geprägt – zum einen, weil er eine erhoffte Beförderung im Offiziersdienst nicht erhielt, zum zweiten, weil Saint-Simon an etwas litt, das Louis XIV relativ fremd war: an Standesdünkel. Dieser führte so weit, dass er mehrfach beim König wegen „Zurücksetzung im Hofzeremoniell“ vorstellig wurde. So wurde er, ebenso wie Voltaire einige Jahre später, zum willigen Komplizen des Königs Louis XV, dem aus vielen Gründen daran gelegen war, die Königin Louise verschwinden zu lassen.

Auch das viel zitierte Staatsbankrott hat es 1715 nicht gegeben. Statt dessen fiel Frankreich 1720, fünf Jahre nach dem Tod des Königs, dem Anlagebetrüger John Law zum Opfer und erlebte das, was wir heute Wirtschaftskrise nennen. Leider gab es noch keine EU und keinen ESM.
Heutzutage würde Saint-Simon wegen der „Alten Ordnung“ wohl ebenso vehement gegen Frauenquoten wettern.

Diese Personen nun sind es, deren Aussagen maßgeblich zur Meinungsbildung über Louis XIV beigetragen haben. So beschloss ich: ich werde über Le Grand Roy schreiben. Dies tue ich nun mehr seit über 20 Jahren.
Mein Buch, das letztes Jahr endlich das Licht der Welt erblickte, ist ein Roman und kein Sachbuch, und zwar aus gutem Grund: Biographien werden meist aus der Vergangenheit heraus geschrieben – da man annimmt, dass die historischen Fakten ja bekannt sind, weiß man im wahrsten Sinne des Wortes, wie die Geschichte ausging.

Doch die handelnden Personen wussten dies nicht – ihre Entscheidungen beeinflussten aus ihrer Sicht die Zukunft und wurden von deren Gegenwart beeinflusst. Mein Ziel aber ist es, die Lebensgeschichte des Sonnenkönigs und seiner Königin so aufzuzeichnen, wie sie sie erlebt haben mögen, wie sie sie empfunden und gedacht haben.

Denn mein Roman handelt nicht vom König allein, sondern noch von einer weiteren Person, mit der er sein Leben geteilt hat. glauben Sie mir: alle Namen, die Ihnen jetzt in den Sinn kommen, können Sie streichen. Es sei denn, Sie haben aufmerksam gelesen. Der Sonnenkönig hatte eine zweite Frau. Eine, die er sogar zu seiner Königin gemacht hat.

Sie ist Die Sonnenkönigin – Frankreichs vergessene Königin.

Teil zwei folgt.

A suivre.